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Gauja Nationalpark

Wir sind nun schon eine Weile in den baltischen Staaten unterwegs. Jeder Staat hat seine eigene Sprache, so dass sich die Bewohner untereinander nicht verstehen können. Durch die russische Zeit, in der die nationalen Sprachen „unerwünscht“ waren, sprechen die meisten Menschen immer noch russisch. Russisch ist daher die Verständigungssprache und neben Deutsch die wichtigste Fremdsprache in den baltischen Staaten. Da wir vor über dreißig Jahren auf Montage (Erdgastrasse) in der ehemaligen Sowjetunion waren, und in der Schule Russisch-Unterricht hatten, liegen bei uns im allerhintersten Hirnbereich noch ein paar Brocken Russisch herum. Es ist erstaunlich, wie viel davon wiederkommt, wenn man damit längere Zeit konfrontiert wird.

die Gauja

Wir besuchten den Gauja Nationalpark. Die Hauptattraktion dieses Parks ist der gleichnamige Fluss. Die Gauja ist knapp 500km lang, aber sie ist so sehr gewunden, dass Anfang und Ende viel weniger als die Hälfte Luftlinie auseinander liegen.
Der Gauja Nationalpark deckt einen Großteil der sogenannten lettischen Schweiz ab, eine waldreiche Hügellandschaft mit idyllischen Flusstälern. Der Nationalpark ist jedoch eigentlich nur für Fahrradfahrer und Wanderer so zu erleben, wie es ihm gebührt. Die meisten Straßen sind unbefestigte Schotterpisten. Viele Sehenswürdigkeiten sind trotzdem nur zu Fuß zu erreichen, mehr oder weniger Kilometer von den Schotterpisten entfernt.
Trotzdem kann man auch per Auto einiges sehen. Zwei interessante Ziele sind die Orte Līgatne und Cēsis.

Fähre über die Gauja

Wir standen zwei Nächte auf einem Parkplatz am Ungurssee. Von dort aus ist Līgatne nur über eine 13km Schotterpiste zu erreichen, wenn man nicht unendliche Zusatzkilometer in Kauf nehmen will. Am Ende der Schotterpiste wartet eine kleine Fähre, die Fußgänger, Fahrräder und Autos über die Gauja bringt. Ein PKW mit zwei Passagieren kostet 3,50€. Diese Fähre ist im Baltikum einzigartig und die einzig erhaltene Fähre von ehemals vielen über die Gauja. Auf zwei Bootskörpern liegt eine Plattform aus Brettern. Der Antrieb erfolgt aus einer Kombination aus Muskelkraft und Strömung an einem Seil entlang. Beim Übersetzen hat man etwas Zeit, einen ersten Eindruck von der Gauja mit ihren sandigen Ufern zu bekommen.

alte Papierfabrik

Zwei Kilometer weiter lädt Līgatne zu vielen verschiedenen Entdeckungen ein. Im Ort selbst steht alles unter dem Zeichen der Papierherstellung. Seit 1815 produzierte man 200 Jahre lang große Mengen Papier in einer riesigen Fabrik, deren Gebäude sich über ganz Līgatne verteilen. Im Rahmen einer Führung bekommt man Einblick in das Leben der Arbeiter, die Herstellung des Papiers und die Fabrik. Sogar einige originale Wohnhäuser, hölzerne Reihenhäuser aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, stehen noch und sind nach wie vor bewohnt.
An der Hauptstraße durch den Ort, in Richtung Skalupes, sind zwei Sandstein-Felswände zu bewundern, in die große Löcher gegraben wurden. Diese Räume dienten als Kellerräume für die Einwohner Līgatnes. Vor dem 16m hohen Felsen auf der rechten Seite findet man eine Fischtreppe, die 2011 gebaut wurde.

Sandsteinfelsen

Auf dem Weg zu dem Felsen auf der linken Straßenseite kommt man an weiteren Kellern vorbei, die zum Teil heute noch genutzt werden. Handwerkliche Arbeiten, ein Weinkeller und ein Stand, an dem gesunde Süßigkeiten aus Breitwegerich und Kiefernzapfen angeboten werden, sind dort zu finden. Kiefernzapfen kann man essen? Nie wären wir auf die Idee gekommen, aber die Dame, die das anbietet, lud uns zum Probieren ein. Da werden Zapfenlikör, Zapfenmarmelade, Zapfensirup für medizinische Zwecke und in Sirup getränkte Kiefernzapfen am Stiel angeboten. Wir kauften ihr Kiefernzapfen am Stiel und Zapfenmarmelade ab. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen. Ob wir so etwas auch selbst hinkriegen?

Tarneingang zum Bunker

Der schon erwähnte Ort Skalupes ist hauptsächlich Rehabilitationszentrum, und das schon seit sowjetischen Zeiten. Seit dem ist anscheinend nie wieder etwas am Gebäude gemacht worden. Die Atmosphäre ist ziemlich erdrückend. Das Hauptgebäude bewahrte aber bis 2003 ein großes Geheimnis. In neun Metern Tiefe breitet sich ein 2000m² großer, ultrageheimer sowjetischer Bunker aus. Wie der solange geheim bleiben konnte, ist uns ein Rätsel.
Eine Führung kostet 8,80€ pro Person und dauert eineinhalb Stunden. Im Preis inbegriffen ist ein sowjetisches Essen, Pelmeni mit Hackfleischfüllung und ein Glas Saft dazu. Der Grundriss des Bunkers ist fast quadratisch und symmetrisch. In der Mitte liegen die Wohnräume des Bunkerchefs und des Generals. Drumherum gruppieren sich Arbeitsräume, Dekontaminationsräume, Sanitärräume, Küche und Speiseraum, sowie Klimaanlage und Notstromgeneratoren. Da die Leute, die den Bunker nutzen sollten, auch irgendwo schlafen mussten, gehen wir davon aus, dass es noch mehr Etagen gibt. Sogar ein artesischer Brunnen, 150m tief, ist vorhanden.
Dieser Bunker wurde für die Regierung in Riga gebaut, die im Ernstfall hierhin abgeholt wurde. Er wurde für 250 Leute kalkuliert, die darin leben und arbeiten sollten. Wie lange solch ein Fall dauern sollte oder konnte, weiß man nicht. Tatsächlich wurde der Bunker nur wenige Male von wenigen Menschen genutzt. Nur einmal kamen 300 Menschen hier zusammen, aus der Regierung und dem Sicherheitskommitee. Sie trainierten 1984 drei Tage lang den Ernstfall. Noch heute sind alle Anlagen voll funktionsfähig und werden ein paarmal im Monat überprüft.

Gaujakurve

Hinter der Rehabilitationsklinik führen mehrere Wege durch den Wald an das Ufer der Gauja. Wenn man dem Weg „Gauja“ folgt und am Ufer nach links abbiegt, kommt man an ein traumhaftes Plätzchen. Hier macht die Gauja eine Kurve. Über viele tausend Jahre wurde an dieser Stelle eine Sandsteinwand ausgewaschen und der nackte Fels zeigt sich.

Āraišu Inselsiedlung

Südlich von Cēsis liegt der Archäologiepark „Āraišu“, Eintritt 2,-€. Hier sind drei Teile zu bewundern. Auf der rechten Seite stehen Rekonstruktionen von stein- und bronzezeitlichen Häusern am Ufer des Āraiši-Sees. Von 1965-1979 fanden zehn archäologische Ausgrabungen statt. Anhand der Funde und Erkenntnissen von anderen Ausgrabungsorten baute man nach bestem Wissen und Gewissen diese Häuser nach. Schon die Steinzeitmenschen wussten, wo es schön ist.
In der Mitte des Geländes thronte im 14.-17. Jahrhundert eine steinerne Burg des Livonischen Ritterordens. Nach der Zerstörung der Burg im Schwedisch-Polnischen Krieg verfiel die Burg. Inzwischen stehen nur noch ein paar Grundmauern.
Links von der Burg entstand die Rekonstruktion einer Inselsiedlung aus dem 9.-10. Jahrhundert. Zehn dieser Inselsiedlungen sind inzwischen auf dem Gebiet Lettlands bekannt. Diese hier im Āraiši-See wurde von dem altlettischen Stamm der Lettgalen erbaut. Es ist die einzige Rekonstruktion solch einer Inselsiedlung, bei deren Errichtung man sich Daten und Fundstücke aus allen zehn Ausgrabungen zu Hilfe genommen hat. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die ganze Siedlung steht auf einer Plattform aus Rundhölzern, die auf einer Sandbank im See ruht. Darauf wurden die kleinen Wohnhäuser aus Rundhölzern gebaut, die nur einen Raum und einen kleinen Vorbau hatten. Vermutlich wurden die Fußböden mit Lehm begradigt, denn auf den Rundhölzern lässt es sich nicht wirklich gut gehen. Kleine Lehmöfen in den Wohnräumen dienten als Heizung und Herd.

Zentrum von Cesis

Die kleine Stadt Cēsis scheint auf den ersten Blick ganz schön mitgenommen. Der Zahn der Zeit nagt an den Häusern, aber es wird inzwischen einiges für die Erhaltung des Altstadtkerns getan. Die alten Holzhäuser entführen in frühere Zeiten. Von der mittelalterlichen Burg aus dem Jahre 1207 ist nicht mehr viel übrig. Irgendwann diente sie dem Deutschen Orden in Livland als Residenz. Die St. Johanniskirche, ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert, diente dem Orden als Dom, in dem die Ordensmeister und Ritter beerdigt wurden.

Spiegel-Cliff

Da wir die dritte Nacht auf dem Campingplatz Žagarkalns verbringen, erkundeten wir den angrenzenden Wanderweg „Cīrulīšu“. Zuerst führt er an die Gauja, bevor er zum alten Bett der Gauja führt. Über 60 Millionen Jahre hat sich die Gauja durch die Sandsteinfelsen gegraben und dabei ein Tal mit Wänden in fünf Terrassen geschaffen. Am alten Bett der Gauja ragt das Spiegelcliff 140m lang und bis zu 10m hoch senkrecht in den Himmel. Das Wasser am Fuße des Felsens ist glasklar. Es wird durch eine Quelle gespeist, die 5-10l pro Sekunde hervorbringt. Praktischerweise hängt ein Becher an der Felswand, damit man das Quellwasser in vollen Zügen genießen kann.

Skipiste im Gauja NP

Wenn man der Verlängerung des Weges durch den Urwald des Gauja Nationalparks folgt, kommt man bald an einem Zeltplatz heraus. Dieser befindet sich zwischen der Gauja und einem Wintersportgebiet. Es führen ein Sessellift und ein Skilift auf den Eichenberg, von dem man die Abfahrt per Ski, Rodel oder was auch immer, starten kann. Am Ende der Piste wartet das Wasser der Gauja. Es ist die längste Skipiste Lettlands. Wenn man Glück hat, ist sie gefroren. Früher existierte einmal eine Bobbahn aus Beton an diesem Berg. Von der sind aber nur noch Überreste vorhanden.
Dann beginnt man den Rückweg, auf dem die „Rote Höhle“, ein von Menschen gemachtes Loch im Felsen, der Freundschaftsbaum und eine weitere, unzugängliche Höhle liegen.

Freundschaftsbaum

In der Hauptsache wird der Urwald des Gauja Nationalparks aus Kiefern und Fichten gebildet. Beide Arten brauchen unterschiedliche Wachstumsbedingungen, und trotzdem wachsen eine Kiefer und eine Fichte an der exakt gleichen Stelle. Deshalb wird dieser Zwillingsbaum „der Freundschaftsbaum“ genannt.
Im Moment wird der Cīrulīšu-Weg mit wilden roten Johannisbeeren und Blaubeeren versüßt. Die Pilze lassen noch auf sich warten. An wenigen Stellen gedeiht sogar wilder Hopfen, wie an den kleinen Weg an der Einfahrt zum Campingplatz.

Es gibt unzählige Sehenswürdigkeiten im Gauja Nationalpark, von Bauernhöfen, Wanderwegen, Kanufahrten, bis hin zu Höhlen, Felswänden und Quellen. Da braucht man schon einige Wochen, um alles zu erkunden. Wir haben leider nicht so viel Zeit, deshalb pickten wir uns nur ein paar interessante Orte heraus.

Während in Deutschland über 30 Grad herrschen, super, müssen wir inzwischen mit 13-15 Grad und Wind leben. Brrr.

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Rückblick Baltikum-Rundreise

Knapp vier Monate verbrachten wir in Nordpolen und den Baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. Auf dem Weg nach Tallinn hielten wir uns zumeist an der Küstenlinie auf, nur um Kaliningrad mussten wir einen Bogen fahren. Die Visa- und Einreiseformalitäten für die russische Enklave waren uns für die kurze Zeit, die uns dort blieb, viel zu aufwändig. Ohne Zeitdruck erreichten wir nach zweieinhalb Monaten Tallinn, den Wendepunkt der Reise.

Innenhof der Malbork (Marienburg)

Als wir losfuhren, fragten wir uns, was wir bloß den ganzen Sommer über machen sollen. Die kürzeste Route bis Tallinn ist ca. 1200km lang. Die Strecke an der Küste entlang ist aber um einiges länger, und dann gab es so viele schöne Ziele auf der Strecke, dass wir immer nur Teilstrecken zwischen 50 und 80km zu fahren hatten, manchmal sogar weniger. Oftmals verbrachten wir mehrere Tage an einem Ort, weil auch die Umgebung einiges zu bieten hatte. So kam es, dass aus unserem zweiten großen Ziel, den Lofoten in Norwegen, nichts mehr wurde. So entschieden wir uns, von Tallinn aus nach Narva an der russischen Grenze zu fahren und am Peipussee entlang die Rückreise Richtung Süden anzutreten. Während im Osten Estlands noch mehrere Stell- und Campingplätze zur Verfügung stehen, sieht es im Landesinneren von Lettland und Litauen mehr als mau aus. So mussten wir an vielen interessanten Zielen vorbeifahren, weil wir keinen Platz für unser großes Wohnmobil fanden. Tagestouren von 200km und mehr kamen da schnell zusammen, und Tankstellen boten als einzige Platz zum Übernachten. Da muss noch dran gearbeitet werden, wenn auch diese Bereiche von Lettland und Litauen mehr Besucher haben wollen. An den gut besuchten Küsten gibt es dahingehend keine Probleme.

Gefahrene Kilometer gesamt mit dem Wohnmobil: 4900. Dazu kommen unzählige Kilometer, die wir wegen der Wohnmobilgröße mit dem Smart zurücklegten.

Irischer Pub in Tallinn

Die drei Baltischen Staaten sind eigentlich sehr unterschiedlich. Jedes Land hat seine eigene Sprache. Das Litauisch und Lettisch hat wohl etwas mit einem indogermanischen Ursprung zu tun, deshalb gibt es auch keine Parallelen zu den slawischen Sprachen, von denen wir dank unserer bruchstückhaften Russischkenntnisse wenigstens hin und wieder etwas verstehen. Auffallend sind die vielen Anlehnungen an das Griechische, zumindest vom Gefühl her. Vor allem im Litauischen enden viele Wörter mit …as. Im Estnischen hängt man gerne mal ein i an, zudem ist in dieser Sprache der finnische Einfluss nicht zu übersehen. Die vielen Doppelvokale sind ein eindeutiges Zeichen dafür.
Dank der verschiedenen Sprachen dieser drei Länder können sich die Einwohner untereinander nicht verständigen. Da ist es doch ganz praktisch, dass durch die russische Besatzung das Russisch als Amtssprache in allen drei Ländern eingeführt wurde. So konnten auch wir uns etwas verständlich machen, wo wir mit Englisch nicht weiterkamen. Deutsch spricht dort so gut wie niemand, wenn er nicht unmittelbar mit deutschen Touristen zu tun hat.

Die Preise sind ebenso unterschiedlich. Das teuerste Land ist Estland, es ist auch das fortschrittlichste der drei Baltischen Staaten. Die niedrigsten Preise findet man in Lettland, welches das ärmste Land des Baltikums ist. Nur die Spritpreise liegen in Lettland höher als in Litauen. Litauen liegt irgendwo im Mittelfeld, ist aber immer noch billiger als Polen. Es macht also mehr Spaß im Baltikum einen Kaffee zu trinken oder in einem Restaurant essen zu gehen. Diese Preise sind da recht einheitlich. Das Baltikum ist also ein ziemlich günstiges Reiseziel.

Was die Straßen angeht, da nehmen sich die polnischen und litauischen Straßen kaum etwas. Abseits der großen Fernstraßen sind viele Straßen ziemlich schlecht. Es sind jedoch Anstrengungen im Gange, da etwas zu ändern. Die besten Straßen sind in Estland zu finden, wenigstens soweit dies keine untergeordneten Nebenstraßen sind. Das Schlusslicht bildet Lettland, wo es eigentlich nur asphaltierte Hauptstraßen gibt. Die allermeisten Nebenstraßen sind Schotterpisten, wovon die meisten dazu noch einen sehr hässlichen Waschbretteffekt besitzen. Diese Pisten sollte man mit mindestens 80km/h befahren, damit man den Waschbretteffekt nicht so merkt. Allerdings wird wohl das Auto früher oder später protestieren. Gerade am Kap Kolka und im Gauja Nationalpark sorgten die Waschbrettpisten dafür, dass wir viele Ziele nicht anfahren konnten.

Landschaftlich lassen die Baltischen Staaten keine Wünsche offen. Vor allem Naturfreunde kommen dort voll auf ihre Kosten. Die großen Sanddünen bei Łeba und auf der Kurischen Nehrung sind genauso beeindruckend wie die Steilwände auf Saaremaa. Je weiter man nach Norden und Osten vorankommt, umso waldreicher werden die zumeist flachen Landschaften. Von Elchen, Wölfen und Bären ist die Rede, aber nicht eines dieser Tiere konnten wir zu Gesicht bekommen. In Estland soll es sogar mehr Elche als Menschen geben. Das wären dann mindestens 1,3 Millionen. Um eine Chance auf Sichtung zu bekommen, müsste man aber weit in die tiefen Urwälder vordringen, was wiederum von den Heerscharen an Pferdefliegen (Bremsen) unmöglich gemacht wird, wenigstens ohne besonderen Schutz. Man kommt keine fünf Meter in den Wald hinein, ohne attackiert zu werden.

Große Sanddüne bei Nida

Wenn man wie wir bei über dreißig Grad Außentemperatur unterwegs ist, will man beim besten Willen nicht mehr als nötig anziehen. Bei solchen Temperaturen kommt man sich im Baltikum auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit sowieso schon wie in den Südstaaten der USA vor. Es ist das reinste Treibhausklima. Eine gute Idee wäre da vielleicht ein Hut mit sehr breiter Krempe, von dem ein Ganzkörperkondom aus Gaze bis auf den Boden reicht. Das Thema Mücken ist dafür kaum eines, außer ca. vierzehn Tage im Mai und vierzehn Tage im August, wenn die Plagegeister vermehrt auftreten. Warum das so ist, keine Ahnung, jedenfalls funktioniert die Natur in der meisten Zeit des Jahres noch und hält die Mückenpopulation in Schach.

Zu den tiefen Wäldern des Baltikums kommen noch die großen Gebiete der Moorlandschaften. Estland besteht zu einem Viertel aus Mooren und Sümpfen, in denen eine besondere Natur zu Hause ist. Man sagt, von keinem Punkt in Estland aus ist der Weg bis zum nächsten Sumpf oder Moor weiter als 10km. Das könnte in etwa stimmen.

Suwalkipark

Wir hatten uns sehr auf die reiche Blaubeer- und Pilzernte gefreut. Wälder von Blaubeerkraut verhießen reiche Beute. Geblieben waren uns nur ein paar Handvoll, denn die Einwohner der Baltischen Staaten sind noch sehr naturverbunden und leben vielfach auch von dem, was die Wälder ihnen bieten. Einen Teil ihrer Ernte verkaufen sie am Straßenrand an vorbeifahrende Kunden und verdienen sich damit ein Zubrot. Da blieb für uns nichts mehr übrig. Der heiße und trockene Sommer, der ganz Europa im Griff hatte, trug sicher auch dazu bei, dass der Ertrag nicht ganz so üppig ausfiel.
Vor allem Honig wird sehr oft und überall angeboten. Der Preis für Honig liegt nicht weit unter den üblichen Honigpreisen im Rest Europas.

Was gibt es noch? Wer Stadtbesichtigungen liebt, der ist in den drei Hauptstädten des Baltikums sehr gut aufgehoben. Vilnius, Riga und Tallinn beeindrucken jede auf ihre eigene Weise, wohl vor allem, weil die Innenstädte noch original erhalten sind. Die schönste Skyline hat Riga zu bieten, die vollständigste Stadtmauer ist in Tallinn zu finden. Die schönste Aussicht auf die Stadt bietet sich über Vilnius. Die engen mittelalterliche Gassen, die hübschen Häuser und Fassaden haben alle drei Städte gemeinsam. Man kann wunderbar bummeln oder sich ein hübsches Plätzchen in einem der vielen Cafés oder Restaurants suchen.

Skyline Riga

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Maut. In den Baltischen Staaten sind Wohnmobile von der Maut ausgenommen. In Polen ist es dagegen ziemlich kompliziert und es ist sehr angeraten, sich ausgiebig mit dem Mautthema zu beschäftigen, wenn man mit dem Wohnmobil unterwegs ist. Es gibt zwei Kategorien: Fahrzeuge unter 3,5t und über 3,5t. Die Mautstrecken für Fahrzeuge unter 3,5t beschränken sich auf wenige Strecken. Auskunft darüber erhält man beim ADAC. Allerdings haben wir unterwegs erfahren, dass man auch mit einem leichten Wohnmobil in die über 3,5t-Kategorie rutscht, wenn man über eine bestimmte Länge kommt, z.B. durch einen Anhänger. Wo diese Grenze liegt, können wir nicht sagen, aber wir trafen jemanden, der abkassiert wurde, weil er einen Motorradanhänger hinter dem unter 3,5t-Wohnmobil herzog.

Alle Fahrzeuge über 3,5t müssen eine ViaToll-Box haben, womit die Probleme schon anfangen. Um die ViaToll-Box zu bekommen, muss man einen ViaToll-Punkt anfahren, z.B. manche Orlen-Tankstellen. Auskunft darüber, und welche Strecken von der über 3,5t-Maut betroffen sind, bekommt man über die Internetseite von ViaToll. Wir haben jedenfalls geschlagene zwei Stunden auf der Tankstelle zugebracht, weil das System von ViaToll einfach mal abgestürzt war. Man muss also die persönlichen Daten hinterlegen, sowie 120,-Zl Kaution für die ViaToll-Box und 120,-Zl Vorkasse zahlen. Das sind zusammen ca. 60,-€. Das Gerät kommt an eine bestimmte Stelle an der Frontscheibe und dann kann man problemlos die Mautstrecken fahren. Wir wollten uns das eigentlich nicht antun und nur Landstraßen fahren, aber gerade wenn man an der Küste entlang fährt, kommt man um eine Mautstraße garantiert nicht herum, nämlich die einfache Landstraße 6 nördlich von Danzig, die auch mautpflichtig ist, was jedoch vorher niemand weiß. Es heißt, dass bestimmte Autobahnen und die S-Straßen mautpflichtig sind, aber auch normale Landstraße können mautpflichtig sein. Das bekommt man jedoch zu spät mit und schon ist man in die Mautfalle getappt. Dazu kommt, dass immer wieder neue Mautstrecken dazu kommen, die nirgends aufgeführt sind. Also am besten gleich eine ViaToll-Box zulegen, dann geht man allen Problemen dahingehend aus dem Weg.

Ein anderes Problem bekommt man, wenn man die ViaToll-Box wieder abgeben will. Während man das Gerät fast flächendeckend bekommt, gibt es im Land selbst nur um die fünf Stellen, wo man sie wieder los wird. Wir kamen über Bydgoszcz nach Wollin zurück. In Wollin riefen wir bei ViaToll an, wo wir die Box wieder abgeben könnten. Da bekamen wir zur Auskunft, das dies in Bydgoszcz möglich wäre. Wenn man aber von Bydgoszcz Richtung Stettin fährt, kommt man garantiert noch einmal in Mautstrecken hinein, so dass die Box bis dorthin noch gebraucht wird. Wie soll das gehen? Eine andere Möglichkeit ist, die Box an die Zentralstelle in Poznan per Post zu schicken und dann auf das Geld zu warten. Das sollte man von Polen aus tun, weil sonst die Postgebühren viel zu hoch sind. Also wir finden, dass dieses System viel zu kompliziert ist. Wir fuhren mit dem PKW ein weiteres Mal nach Polen und gaben das ViaToll-Gerät auf der Post ab. Mal sehen, was weiter passiert.

Es war jedenfalls eine weitere tolle Tour, die wir erleben durften. Die ganze Route könnt Ihr Euch auf der Tourkarte ansehen. Vielleicht seid Ihr jetzt auch so neugierig auf das Baltikum wie wir es bei unserem Aufbruch waren. Es lohnt sich.

Lebensraum einer Kormorankollonie auf der Kurische Nehrung

Ich möchte noch anmerken, dass diese Ausführungen unsere persönlichen Eindrücke sind. Wir haben aber schon mehrfach gehört, dass es da durchaus auch andere Meinungen über bestimmte Dinge gibt. Habt Ihr noch Änderungen oder Ergänzungen, die Ihr uns mitteilen möchtet, dann bitte gern als Kommentar hinterlassen. 

Orissaare – Saaremaa (Ösel)

Jahrestag der Unabhängigkeit

Endlich wieder festen Boden unter den Füßen, nach mehr als zwei Monaten. Wir sind auf der estnischen Insel Saaremaa, deutscher Name: Ösel. Sie besteht, wie die Schwesterinsel Muhu, aus versteinertem Meeresboden, also aus Kalkstein. Kein ewiger Sand, wenige Kiefern, dafür viel Wacholder.
Bis 1991 sowjetisches Sperrgebiet und für Außenstehende unzugänglich, ist sie heute eine Insel ohne Bausünden, mit ursprünglichem Leben und ganz viel Natur. Eigentlich sah Saaremaa seit der Ankunft des Deutschen Ritterordens 1227 immerwährend fremde Mächte, als da die Schweden und die Dänen wären. Die Esten hatten seitdem nie etwas zu sagen. Erst 1918 erlangte Saarema, sowie ganz Estland, die Unabhängigkeit. Der Deutsche Ritterorden besaß zu diesem Zeitpunkt immer noch die Hälfte der Insel. Er wurde enteignet und für kurze Zeit war Estland endlich Herr seines eigenen Landes, zumindest solange, bis die Sowjets kamen. Mit der erneuten Unabhängigkeit 1991 gehört nun Estland mitsamt seinen Inseln den Esten. Seitdem feiern die Esten zwei Unabhängigkeitstage im Jahr, wie die Letten, die ziemlich die gleiche Geschichte erzählen. In diesem Jahr feierte man den 100. Jahrestag der Unabhängigkeit vom Zarenreich und den Deutschen. Zur Sonnenwendfeier am Kap Kolka hatten die Leute eine 100 in den Sand gegraben und Teelichte hineingestellt. Jetzt wissen wir warum.

Koguva

Um Saaremaa zu erreichen, muss man mit der Fähre von Virtsu aus übersetzen. Die Überfahrt dauert eine halbe Stunde und kostet knapp 15,-€ für ein Wohnmobil mit zwei Personen. Dann ist man erst auf der kleinen Insel Muhu. Von Muhu nach Saaremaa führt ein Damm durch das sehr flache Wasser der Väike Straße.
Für die meisten Reisenden ist Muhu nur Durchgangsstation. Wir wollten uns zumindest das Museumsdorf Koguva ansehen. In diesem Dorf ist die Zeit im 18. Jahrhundert stehen geblieben. Der Dorfkern ist komplett unter Schutz gestellt. Mit einem 4,-€-Ticket kann man in diese Zeit eintauchen. Die alten Häuser sind fast winzig, die Grundstücke mit flachen Feldsteinmauern umgeben, die inzwischen dicke Moosschichten angesetzt haben. Manche Einwohner stapeln ihre Holzscheite für den Winter auf diesen Mauern.
Koguva war ein Fischerdorf. Die Fischer holten im Winter ihre Boote an Land und legten sie kieloben auf den Mauern ab. Manche Boote, die irgendwann nicht mehr gebraucht wurden, liegen noch heute dort.

Kirche von Liiva

In Liiva, wieder ein Hinweis auf den Volksstamm der Liven, steht die St. Katariina Kirche aus dem 13.-14. Jahrhundert. Sie besitzt als mittelalterliche Burgkirche auf Saaremaa keinen Turm. Der Innenraum wirkt geplündert, nur die schmückenden architektonischen Elemente aus dem Inselgestein Dolomit, und ein paar wenige Wandmalereien, sind erhalten.

Noch ein Wort zu dem aussterbenden Volksstamm der Liven. Immer wieder kommen uns die Namen Liven und deutsch-livonisch unter. Livonisch ist nur ein anderes Wort für livisch. Die Liven siedelten rechts und links der Rigaer Bucht auf lettischem Boden. Daher existieren auch im Gauja Nationalpark Hinweise auf sie. Noch vor ein paar Jahrhunderten zählten die Liven mehrere 10.000 Angehörige, heute sind nur noch gut 200 von ihnen übrig, die im lettischen Bezirk Kurland ansässig sind. Die Wurzeln der Liven liegen in Finnland.

Hain-Wachtelweizen

Wieder auf Saaremaa fuhren wir in den Südosten der Insel, nach Saareküla. Dort gibt es einen gut 2km langen Wanderweg durch Mischwald, mit Lichtungen und altem Moorland. Hier wachsen Orchideen und andere exotische, nordische Pflanzen. Wenn man Glück hat, bekommt man ein Reh zu Gesicht, auch Kraniche. Man sagt, dass es in Estland mehr Elche als Menschen gibt. Daher warten wir in den Wäldern immer auf eine Sichtung, aber bisher erfolglos.

Denkmal

Einen Kilometer hinter dem Wanderparkplatz befindet sich direkt an einer Abzweigung ein Denkmal. Es sieht aus wie ein alter Steinkreis, auf einem stufigen Podest in der Mitte liegt ein gespaltener Felsbrocken. Es erinnert jedoch an die antike estnische Herrlichkeit, als es noch keine Fremdherrscher gab.

In Pöide suchten wir die Brauerei, aus der das Bier stammt, welches wir in der kleinen Hafenkneipe in Orissaare angeboten bekamen. Die Brauerei ist aber in Kuressaare zu finden. Dafür besichtigten wir die Kirche in Pöide. Sie sieht noch jämmerlicher aus als die in Liive, total hinüber. Jetzt wird versucht, noch zu retten, was zu retten ist, aber es wird eine Mammutaufgabe werden. In Anbetracht des fehlenden Geldes eher nicht machbar. Die Bauschäden sind zu groß.

Burg Maasilinn

Eine andere Rundtour von Orissaare aus brachte uns Richtung Westen an der Küste entlang. Das erste Ziel ist dabei die Ruine der deutschen Ordensburg Maasilinn aus dem 14. Jahrhundert. Sie wurde aus dem heimischen Kalkstein erbaut. Die dicken Mauern und die Gewölbe der Kellerräume bestanden aus einer Art grobem Ziegelmauerwerk. Das muss eine immense Aufgabe gewesen sein, dieses Mauerwerk hochzuziehen. Die Burg bestand einstmals aus drei Stockwerken. Schon 1576 zerstörten die Dänen, die die Insel Saaremaa eroberten, die Burg. Heute sind nur noch die Kellerräume zu besichtigen. Die Gewölbe waren so stabil, dass sie bis heute halten. Von der ersten Etage sind nur noch Reste übrig. Die Burg Maasilinn kann kostenfrei besucht werden. In der näheren Umgebung befinden sich weitere Ruinen und Burgwälle.

Pulli pank

Nun folgten wir immer der Küstenstraße Richtung Leisi. Die nächste Sehenswürdigkeit ist Pulli pank, eine kleine Steilküste mit Felsaufschlüssen. Es soll die repräsentativste Steilküste auf Saaremaa sein, aber sie ist nicht die größte. An diesen Stellen sieht man schön die verschiedenen Schichten, die die Meeresorganismen über Jahrmillionen seit dem Silur-Zeitalter gebildet haben, dazu die Verwerfungen durch die Tektonik. Um diese Pulli pank zu erreichen, bedarf es allerdings etwas Kletterarbeit, denn einen geeigneten Weg dorthin hat man nicht angelegt.

Jaani Kirche

Auf dem weiteren Weg nach Leisi kann man ab und zu zur Küste abbiegen. Etwa auf halbem Weg kommt man an der kleinsten Kirche Saaremaas vorbei, der Jaani Kiriku, die vom Ende des 17. Jahrhunderts stammt. Sie wurde für Aussätzige gebaut, war daher keine Burgkirche und besitzt deshalb einen Turm. Leider ist sie verschlossen.

Da wir überlegen, den Weg weiter nach Tallinn über die Insel Hiiumaa zu nehmen, fuhren wir zum Fährhafen in Triigi. Außer dem Fährhafen ist dort jedoch nichts weiter. Der besteht aus der Rampe, der Hafenaufsicht und einem kleinen Café. Viermal am Tag verkehrt die Autofähre zwischen den Inseln.

Ein Zwischenstopp in Leisi (Laisberg) ist nicht von langer Dauer. Man ist in fünf Minuten durch den äußerst ruhigen Ort gelaufen. Die kleine orthodoxe Kirche am Südrand Leisis ist auch verschlossen.

Bockwindmühle auf Saaremaa

Den letzten großen Stopp auf der Rundfahrt legten wir in Angla ein, südlich von Leisi gelegen. 1925 standen auf dem dortigen Hügel noch neun Windmühlen. Es soll ein besonders windiger Ort auf der Insel sein. Überlebt haben vier typische Bockwindmühlen und eine Holländermühle, die von innen zu besichtigen ist. Zum Gelände gehört auch das Kulturzentrum Angla, in dem ein Museum über die Geschichte der Gegend eingerichtet ist. Auf dem Außengelände stehen noch alte landwirtschaftliche Maschinen und Kutschen. Der Eintritt in dieses Ensemble kostet 3,50€ pro Person. Landestypische Handwerkskunst wird angeboten, die hier aus Kalkstein gefertigt wird, welche wir bisher auf den Märkten aus dekorativem Wacholderholz gemacht sahen, wie Dosen, Untersetzer, Mörser und andere Gebrauchsgegenstände.

Farbtupfer

Was macht man mit einem toten Baum, der frei zwischen anderen einzelnen Bäumen in der Landschaft steht? Klar, man malt ihn an und sorgt so für gute Laune. Diesen Baum findet man an der Straße 10 auf dem Rückweg nach Orissaare, rechte Seite.

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